FRAU HOLLE IM HOLUNDER

Berlin, 1. Juni 2024

Heute habe ich den Holunder (Sambucus nigra) mit seinen schirmtraubigen, weißgoldenen Blütenständen destilliert. Ein wunderbar wohlriechendes Hydrolat ist entstanden. Es wirkt ausgleichend, entspannend, fördert den Schlaf, indem es über den Geruchssinn und die Haut tief in das Immunsystem einwirkt, Entzündungen im Körper mildert und eine abschwellende Wirkung zeitigt.
Der Geist des heilsamen Holunders erschließt sich in der Tiefe, wenn man die kulturhistorische Bedeutung dieses mythenumwobenen Baumes in die Betrachtung einbezieht.

Der Holunder gilt in der germanischen Tradition gemeinhin als Wächter des Hauses. Nah an der Hauswand gepflanzt, schützt der “Hofholunder” die Bewohner des Hauses, zieht er über sein Wurzelwerk die Feuchtigkeit aus den Mauern und sorgt für Behaglichkeit und Geborgenheit. Doch seine kulturelle Bedeutung reicht viel tiefer. Die Bezeichnung “Holunder” bedeutet im Althochdeutschen “hohler Baum” oder “heiliger Baum”. Und es ist eine uralte weibliche Muttergottheit aus der Tiefe der Erde, die in dem “Elderbaum” verehrt wird. Sein hohler Stamm ist wie ein Geburtskanal aus dem Schoß der paläolithischen Erdmutter, die Elementarwesen wie Zwerge und Elfen gebiert und auf diesem Wege die entgrenzten Menschen in die mythische Traumwelt zurückführt. Unter dem Holunderbaum werden traditionell Gaben zu Ehren der Gottheit niedergelegt.

Im Volksmärchen “Frau Holle” lässt sich diese Tiefensymbolik des “Hollerbaums” sehr schön erschließen. Eine Witwe lebt mit ihren zwei Töchtern, von denen die eine, vermutlich die leibliche Tochter, trotz ihrer Faulheit und Hässlichkeit in allem bevorzugt wird, während die andere, vermutlich die Stieftochter, so sehr sie sich auch müht, trotz ihres Fleißes und ihrer Schönheit unaufhörlich beschimpft und erniedrigt wird. Beim Spinnen verletzt sie sich die geschundenen Hände, und die blutige Spindel fällt in einen tiefen Brunnen. Die erboste Mutter befiehlt ihr, in den Brunnen zu springen und die Spindel zurückzuholen. Das verzweifelte Mädchen springt in den Brunnen und verliert das Bewusstsein. Es ist der Übergang von der Alltagswelt in die Anderswelt, der hier geschildert wird. Der “Hofholunder” beschreibt diese Transformation ins Imaginäre, denn dessen hohler Stamm stellt in mythisch-matriachaler Zeit einen Zugang zum Kessel der Erdgöttin dar.

Die durch den tiefen Fall traumatisierte Tochter erwacht in der Anderswelt auf einer Wiese mit tausend Blumen. Das wunderschöne Naturschauspiel lindert den Schmerz nach all den schrecklichen Erfahrungen des Familienalltags. Die Heilung in Frau Holles Reich beginnt. In den drei folgenden Szenarien löst die geschundene Tochter ihre Traumatisierung auf und wird unter dem milden Einfluss der Erdmutter neuer Lebensenergie zugeführt: Sie zieht das Brot rechtzeitig aus dem Backofen, sammelt die reifen Äpfel vom Baum und schüttelt das Bettzeug der Frau Holle auf, “dass die Federn fliegen”. Damit sind die weißen Blütenblätter des Hofholunders gemeint, in dem die Göttin in der Menschenwelt ihre poetische Gestalt annimmt.
Nach geraumer Zeit in den Diensten der gütigen Erdgöttin befällt die Tochter Heimweh, und sie bittet Frau Holle, ihr die Rückkehr zu ermöglichen. Von einem Goldregen überhäuft, der an die weißgelben Blütendolden des Holunders erinnert, kehrt die geläuterte Tochter nach Hause zurück und berichtet von ihrem unglaublichen Erlebnis.
Die Mutter beschließt nun, auch ihre Lieblingstochter in die Anderswelt zu senden, um genauso reich beschenkt zurückzukehren. Diese verletzt sich absichtlich die Hand und wirft die blutige Spindel in den Brunnen, kommt in Frau Holles Welt an und scheitert jedoch aufgrund ihres egozentrischen Charakters in den drei Prüfungen: Sie lässt das Brot verbrennen, lässt die reifen Äpfel achtlos liegen und verweigert Frau Holle den Hausdienst. Beim Abschied aus der Anderswelt wird sie statt mit Goldregen mit Pech übergossen, das ein Leben lang an ihr kleben wird.

Im Kontext dieses uralten Märchens und seiner Heilkraft gewinnt die Holunderessenz eine ungeahnte geistige Tiefe, wodurch sich eine wechselseitige Durchdringung der natürlichen Wirkstoffe und der imaginären Reise in die Wunschwelt unserer Ahnen vollzieht. Geist und Natur gehen eine sinnstiftende Verbindung ein und können auf diese Weise tiefe Verletzungen im familiären Feld auflösen. Die Holunderessenz der Erdgöttin gleicht aus, wirkt lindernd, beruhigt Entzündungen und bewirkt einen erholsamen Schlaf. So werden aus Wunden Wunder bewirkt.

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WILDE KERLE