WILDE KERLE
Ein Auszug aus dem Reiseführer “Wir bleiben dann mal hier. Der Luisenweg unter den Linden von Berlins Mitte nach Mecklenburg-Strelitz. “
Wilde Kerle oder grüne Männer sind archetypische Gestalten, die an den Urgrund unserer Kultur in den Urwäldern Mitteleuropas erinnern. Sie erinnern an die altgriechischen Titanen, aus mächtigen Bergrücken der archaischen Landschaft durch mündliche Überlieferung in den Mythen zu gewaltigen Lebewesen geronnen. Aus germanischen und keltischen Riten stammen die wilden Kerle. Im christlich dominierten Mittelalter verlieren sie ihre kulturelle Leitfunktion und treten mehr und mehr in den Hintergrund. Doch in der Heraldik, der Wappenkunde, bleiben sie mitunter bis in die Neuzeit als Symbole der erdverbundenen Kraft und Stärke erhalten.
Auf dem preußischen Wappen von 1873 sind zwei muskulöse, halbnackte wilde Kerle mit grauen Rauschebärten abgebildet, die gleich granitenen Säulen das aufgespannte Purpurzelt der königlichen Machtdemonstration abstützen. Haupt und Lenden sind mit Eichenlaubkränzen bedeckt. Stolz halten sie nicht Keulen, sondern die goldbeschafteten Standarten der Mark Brandenburg und des Königreichs Preußen aufrecht, beflaggt mit dem schwarzen und roten Adler. Ihre germanische Wildheit scheint in den Dienst der preußischen Staatsräson gestellt.
Erstaunlich ist die symmetrische Inszenierung des männlichen Prinzips in diesem von Machtsymbolen überbordenden Wappen. Keine Spur von der paläolithischen Erdmutter unserer Ahnenkultur, die selbst noch in germanischer Zeit eine hohe kulturstiftende Bedeutung hatte. Im Sinne einer ausbalancierten Kultur hätte man erwarten können, dass eine wilde Frau und ein wilder Mann gleichsam paritätisch gewürdigt würden. Doch das weibliche Prinzip scheint wie vom Erdboden verschwunden. Knarrende Eiche statt lieblicher Linde. Nicht Erda, sondern Wotan dominiert die Szenerie. Die zum deutschen Kaisertum strebende preußische Macht hat sich vollends der männlichen Dominanz verschrieben. Die Kindeskinder der Königin Luise haben die matriarchale Tradition unwiederbringlich gekappt. Doch ohne innere Balance, dem Ausgleich des männlichen und weiblichen Prinzips, hat eine Kultur wenig Zukunft. Das preußisch dominierte Deutsche Kaiserreich von 1871 wird im zunehmenden Prozess der eigenen maskulinen Selbstüberschätzung in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs zugrunde gehen. Dem Gaskrieg in den Schützengräben Verduns sind auch die mächtigsten wilden Kerle hilflos wie Kinder ausgesetzt. Das “Große preußische Wappen” verschwindet nach der bis dahin größten Niederlage von der Bildfläche. Kaum einer mehr kennt es.